Offener Brief zu 'Unter den Linden'

23. Juni 2009, Felix Nagel in

Dieser Artikel ist mein offener Brief an Herrn Minhoff (Moderator der PolitTalk Runde "Unter den Linden") und Herrn Prof. Rupert Scholz (CDU, ehem. Bundesminister der Verteidigung und Staatsrechtler). Er bezieht sich auf die Diskussion mit Herr Dirk Hillbrecht (Vorsitzender der Piratenpartei Deutschland) zum Thema: "Unter Piraten - Wem gehört das geistige Eigentum?"

Das ganze gibt es auf YouTube:

 

Offener Brief:

 

Sehr geehrter Herr Minhoff, Sehr geehrter Herr Scholz,

ich möchte gerne Ihnen gerne meine Meinung zur letzten Diskussionsrunde "Unter den Linden" mitteilen. Ich hoffe sehr das ich Ihnen den Standpunkt meiner Generation näher bringen kann und die teilweise suboptimale Argumenation von Herrn Hillbrecht verbessern kann.
Zu meiner Person: Ich bin 23 Jahre alt und schreibe gerade meine Diplomarbeit im Fach Medieninformatik. Somit gehöre ich einerseits eindeutig zu den digital natives wie auch ,aufgrund meiner Tätigkeit als Webentwickler, zur Netzgemeinde.

Bitte beachten Sie das der Brief sich hauptsählich an Herrn Minhoff wendet.

Bitte verstehen Sie das Internet nicht als "andere Welt" und rechtsfreien Raum. Das ist schlicht falsch. Im Internet gelten Regeln und Gesetzte wie auch sonst in der Gesellschaft. Es gibt zum Beispiel eine Kennzeichnungpflicht (Stichwort: Impressumpflicht) und eine Menge Klagen (Stichwort: Abmahnwelle, Filesharingklagen). Viel der geschäftlichen Kommunikation großer wie kleiner Firmen läuft heute über Email, Chat, Video-Chat und Desktop Sharing. Des weiteren wird ein nicht unerheblicher Teil des Umsatzes vieler auch in der "realen Welt" angesiedelter Firmen heute im Internet generiert. Ganze Geschäftzweige verdienen ihr Geld ausschließlich oder mit Hilfe des Internets. Also bitte verbreiten Sie nicht weiterhin den Unfug das www sei rechtsfreier Raum oder gar eine andere Welt.

Die Fragen an Bürger auf der Straße wurden leider so dermaßen gelenkt, das Sie sich die "Meinung aus dem Volk" auch hätten sparen können -- oder zumindest so schneiden das man nicht hört das Sie den Leuten vorher gesagt haben: "ja, die Partei will illegale Downloads legalisieren". Echter Qualitätsjournalismus.

Wobei wir dabei wären das Sie die Argumente von Frau von Layen ohne jede Prüfung als bahre Münze nehmen. Allen voran die Mär vom Millionengeschäft mit KiPos im Web. Oder das man normale Bürger vorm "Angefixt werden" schützen muss. Niemand findet Kinderpronos einfach so im Netz. Die "Fakten" von Frau von der Leyen sind allesamt nicht haltbar. Das hat die kleine Anfrage der FDP, die neue Statistik des BKA und die vielen Aussagen von Experten und ehemalig Betroffenen gezeigt.

Die Killerspiel Debatte war, wie die Sperren, natürlich vollkommen Offtopic. Leider war Herr Hillbrecht darauf schlecht vorbereitet, aber gut: Ich mach das. Killerspiele sind schlecht für unsere Jugend. Gut das ist ein Standpunkt den ich nicht unterschreiben würde, den ich aber verstehe. Ich persönlich halte das erschießen von Pixeln für recht harmlos, sonst müsste ich mich auch über Räuber und Gendarme spielen mokieren. Zu den zitierten Studien gibt es auch andere die das Gegenteil beweisen -- immer eine Frage des Auftraggebers. Mal abgesehen davon das der Staat nie in der Lage sein wird Killerspiele aus dem www zu entfernen -- die Kinder haben wesentlich mehr Ahnung als Vater Staat.
Sinnvoller, ja geradezu logisch wäre es, die Eltern in die Pflicht zu nehmen. Wenn ich mein Kind von TV und Videogame erziehen lasse, muss ich mich nicht wundern wenn es eigenartige, aggressive Verhaltensmuster entwickelt. Nach 3 Stunden deutschem TV werde ich meist auch aggressiv.
Eine weiterer geschickter Schachzug wäre es großkalibrige Waffen und Schießstände in Schulen (allein in NRW über 140 Stück!) zu verbieten. Aber da ist wohl die Lobby der Waffennarren, entschuldigen Sie, der Schützenvereine, zu groß.

Zum Thema Urheberrecht hat Herr Hillbrecht Ihnen leider nicht klar machen können das es keinesfalls darum geht Urheberrecht abzuschaffen. Es geht erstmal darum das ganze Bevölkerungsgruppen kriminalisiert werden. Das die Realität weit weg ist vom Recht. Das kein Staat und keine Industrie die Menschen aufhalten wird beim kopieren. Die Leute können sich den Kram auch brennen oder per Festplatte tauschen. Dann setzt man sich gemütlich daheim hin und überspielt das -- wie in Ihrer Jugend! Den Apsket des "Remixen" auf YouTube und Co, also das schaffen neuer Werke mal ganz ausser Acht gelassen.
Seien wir doch mal ehrlich: Musiker haben bis auf wenige Ausnahmen doch noch nie richtig Geld verdient -- Geld verdient haben vor allem die Verwerter, die Industrie. Genauer: wenige Bosse und Aktionäre dieser Firmen. Also reden wir doch bitte nicht von den Rechten der Musiker. Nenen wir es beim Namen: Die Industrie hat den Wandel verpasst und aufs falsche Pferd gesetzt. Das merken die jetzt auch (siehe DRM) und schreien nach Hilfe! Sie haben die Zeichen der Zeit verpasst und obendrein nicht auf langfristige Qualität sondern auf die schnelle Mark gehofft. Sie haben Schund produziert (der übrigens WIRKLICH zur Verrohung unserer Jugend beiträgt: siehe Aggro und Eminem) für den niemand Geld bezahlen will, weil er morgen alt ist und ich die dann CD logischerweise auch nicht brauche. Echte Fans kaufen gerne Alben im Laden, mit Booklet zum anfassen und gehen auf Konzerte.
Fakt bleibt: das bisherige Urheberrecht ist so nicht mehr durchsetzbar und wird es auch nie wieder. Dafür muss eine Lösung gefunden werden. Die, da werden Sie mir als Bürger wohl zustimmen, möglichst nicht von einer Contentindustrie, die den Wandel vollkommen verschlafen hat, bestimmt wird. Und erzählen Sie mir nicht Sie hätten keine gebrannten CDs ;-)
Stichworte wären hier zum Beispiel Creative Commons oder Kulturflatrate.

Das Herr Tauss über Gebühr Vorverurteilt wurde dürfte Ihnen beiden klar sein. Das die Unschuldsvermutung gilt wissen Sie hoffentlich auch.
Nebenbei bemerkt wurde die Aufnahme von Herrn Tauss sehr kontrovers innerhalb der Piraten diskutiert.


Ach und nochmal zum Mitschreiben: Kinder werden in der Nachbarschaft missbraucht -- nicht im Internet! Oder drehen Sie den Fernseher lauter wenn Sie nebenan ein Kind schreien hören?


Mit freundlichen Grüßen

Felix Nagel

 

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1 Kommentare

simplizissimus

27. Juni 2009

hi felix,

da muss ein missverständnis vorliegen - der poll ist lediglich eine kleine ergänzung zu dem ziemlich ausführlichen beitrag, den ich zum urheberrecht geschrieben hatte. hier der link:

 

simplizissimus.wordpress.com/2009/06/24/irrtumer-der-urheberrechtsreform-der-piraten/

 

du siehst, ich habe mich mehr als ausführlich mit dem urheberrechtsgedanken der pp auseinandergesetzt. du must ja meine meinung nicht teilen, aber zumindest bildzeitungsniveau solltest du mir nicht nachsagen...


simplizissimus